Skip to content

Rot, rot, rot sind alle meine Kleider

Früher haben Ver­wand­te, Freunde und Bekannte in den Häusern gelebt. Früher ist aber schon lange her und das kleine Dorf, das damals Heimat war, ist von Fremden bewohnt. Fremde die anders sind als wir – ihr Aussehen, ihre Kultur, ihre komplette Art zu Leben. Als ich im vergangenen Sommer mit meinem Vater hierher kam um meine Wurzeln zu entdecken, war Nichts mehr wie es einmal war.

Das hat mich aber nicht gestört, denn ich war gerade mal drei Jahre alt als wir Siebenbürgen hinter uns gelassen und in Deutschland ein neues Leben angefangen haben. Ich habe keine Erinnerung daran, wie es einmal war und kenne das alles nur von Bildern. Es ist für mich ein doppeltes Abenteuer: Einerseits zu sehen wo ich geboren wurde und wie wir damals gelebt haben und andererseits wie das Leben der neuen Dorfbewohner aussieht. Anders als die Generationen vor mir, habe ich keine Erlebnisse und Erfahrungen mit diesen Fremden und freue mich darauf sie kennenzulernen. In diesem Bericht möchte ich euch von Ihnen erzählen.

Sie, das sind die Roma und das Dorf ist in Rumänien, genauer gesagt in Siebenbürgen/Transsilvanien

Da mein Vater schon früh gelernt hat rumänisch zu sprechen, war es kein Problem einfach anzuklopfen und zu sagen: “ Hallo, hier hat früher mein Onkel gelebt und ich wollte seinen Nachfolgern gerne einmal guten Tag sagen“.

Die erste Begegnung

Unser Klopfen wurde mit einem herzlichen „Buna Ziua“ erwidert und die kleine Dame in rot hat uns direkt reingebeten. Auch im Inneren des Hofes war die Signalfarbe überall zu sehen. Die Frauen tragen ausnahmslos alle rot, während die Männer schwarze Hosen und Hüte mit verschiedenen Hemden kombinieren. Frauen mit Kopftuch sind verheiratet, Frauen ohne warten darauf. Es gibt keine motorisierten Fahrzeuge und der Pferdewagen ist das einzige Fortbewegungsmittel, das ihnen zur Verfügung steht.

Ich konnte dem Gespräch zwar nicht folgen, aber dafür umso mehr Eindrücke sammeln. Laute Musik und ein Geruch von frisch gebratenem Fleisch liegt in der Luft. Die hier lebende Familie scheint sehr groß zu sein. Das ist typisch für ihre Kultur, die von Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe geprägt ist. Die Gemeinschaft ist Lebensgrundlage und oberste Priorität. Es ist schön zu beobachten, wie offen und interessiert sie auf uns zugehen. Sie konnten gar nicht genug von den Erzählungen meines Vaters bekommen und wirkten fast schon enttäuscht, als wir den Hof wieder verlassen haben.

Vor dem Hof ist ein kleiner Spielplatz, der von allen Dorfkindern gemeinsam genutzt wird. Die Kinder interessiert es nicht zu welcher ethnischen Gruppe sie gehören. Sie freuen sich über jeden Spielkameraden, den sie dort finden.

Das war allerdings nicht immer so. Früher gab es oft Probleme und Konflikte zwischen den verschiedenen Kulturen, die im und um das Dorf herum gelebt haben. Die siebenbürger Sachsen, zu denen wir gehören, die Rumänen und schließlich die Roma. Ob das heute immer noch so ist, weiß ich nicht, denn es leben keine siebenbürger Sachsen mehr hier – die Roma haben ihre Häuser übernommen.

Über die Roma in Rumänien

In meiner Familie wurden sie seit jeher Zigeuner genannt. Für mich klang das immer sehr missbilligend und negativ, was ein großer Irrtum ist. Zigeuner ist einfach nur die wortwörtliche Übersetzung des rumänischen Begriffs „tigan“ und beinhaltet für sie keinerlei Wertung. Für andere vielleicht schon, daher haben wir den Begriff aus unserem Vokabular gestrichen.

Die Roma gehören in Rumänien zu einer der größten ethnischen Minderheiten und werden auch heute noch oft aus der rumänischen Gesellschaft ausgegrenzt. In der Vergangenheit wurde Ihnen der Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum verweigert, was zu ihrer schwierigen Situation geführt hat, deren Folgen auch heute noch spürbar sind. Ähnlich ging es auch den siebenbürger Sachen, die ebenfalls in vielem eingeschränkt wurden. Bei Weitem nicht so sehr wie die Roma aber es hat ausgereicht, um zurück nach Deutschland und in ein selbst bestimmtes Leben zu ziehen.

Die rumänische Regierung hat in der Zwischenzeit eine Nationale Agentur für Roma gegründet, um den Problemen entgegenzutreten und die Situation für die Menschen zu verbessern. Für mich sind sie nun keine Fremde mehr. Auch keine Freunde, aber zumindest Bekannte, die ich bei meinem nächsten Besuch näher kennenlernen und verstehen möchte.

Be First to Comment

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *