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Fliegerbomben als Lebensgrundlage

Ihre Hütten stehen auf Fliegerbomben, ihre Tiere trinken aus Fliegerbomben, ihre Pflanzen wachsen in Fliegerbomben und ihre Kinder sammeln den Schrott von Fliegerbomben, um die Familie finanziell zu unterstützen. Das klingt zu kurios um wahr zu sein? Leider nicht!

In verschiedenen Bergdörfern der laotischen Provinz Xieng Khouang sieht der Alltag der Menschen ganz genauso aus. Für uns unvorstellbar, für sie Normalität. Als ich an einem dieser Dörfer vorbeikam, musste ich zweimal hinschauen:

Fliegerbomben, die keinen direkten Einsatz finden, werden eingeschmolzen und zu Löffeln verarbeitet. Altmetall, das von den Kindern gesammelt wird, kann verkauft werden und bei entsprechender Menge das ganze Dorf ernähren. Wir sprechen hier nicht von ein paar wenigen Bombenresten, sondern von Unmengen an Blindgängern, die fast schon zum Landschaftsbild gehören.

Wo kommen die Fliegerbomben her?

Zwischen 1964 und 1973 wurden in Laos über 200 Millionen Streubomben von US-Piloten abgeworfen. Da nur ein geringer Teil davon direkt detoniert ist,  haben sie bis heute massive Auswirkungen auf Land und Leute. Vor allem rings um Phonsavan, der Hauptstadt von Xieng Khouang. Die Stadt wurde damals komplett zerstört und einige Jahre später wieder aufgebaut. Dementsprechend ist sie zwar nicht sehr attraktiv, aber definitiv ein guter Ausgangspunkt um die Gegend zu erkunden.

Wie erkundet man das Kriegsgebiet?

Es empfiehlt sich aus zweierlei Gründen eine geführte Tour zu buchen. Zum einen aus Sicherheitsgründen und zum anderen erhält man so viel mehr Hintergrundinformationen. Unser Guide kannte die Region besser als seine Hosentasche und wusste ganz genau, wo wir uns frei bewegen können und wo nicht. Übersetzt heißt das, welche Bereiche bereits von Blindgängern befreit wurden und welche nicht. Die vielen Krater in dieser wunderschönen Landschaft bereiten einem immer wieder Gänsehaut und ein beklemmendes Gefühl macht sich breit.

Welche Auswirkungen haben die Fliegerbomben?

Noch beklemmender wurde das Gefühl als unser Guide anfing von den vielen persönlichen Schicksalen zu erzählen. Nicht nur seine eigene Familie, sondern auch viele seiner Freunde und Bekannten sind von den grausamen Auswirkungen betroffen. Bei manchen passiert es unvorhergesehen auf dem Weg zur Schule, bei manch anderen passiert es beim Sammeln des Altmetalls. Sie kennen das Risiko, nehmen es aber in Kauf, da sie keine Alternative haben. Explosionen von Blindgängern haben seit Kriegsende bereits 20.000 Menschen getötet – darunter viele Kinder. Hinzu kommt, dass es sich hierbei um Expertenschätzungen handelt, die genauen Zahlen sind nicht bekannt. Nicht bekannt ist auch die Zahl der schwer verletzten und verstümmelten Menschen, die eine Explosion überlebt haben.

Mehrere Organisationen sind bereits vor Ort und versuchen die Region von Blindgängern zu befreien, aber die Arbeit geht sehr langsam voran. Um die sicheren Wege zu markieren, werden weiß und rot gestrichene Steine verteilt. Solange man sich auf der weißen Seite aufhält, ist man sicher. Auf der roten Seite sieht man mit bloßem Auge Bomben aus der Erde blitzen oder kleine Granaten liegen.

Es ist unvorstellbar, dass sich Menschen freiwillig in die Gefahrenzone begeben und sogar ihre Kinder dorthin schicken, um einzelne Stücke mitzunehmen. Unser Guide erklärt uns, dass sie sich über die Jahre ein enormes Wissen und Erfahrung angehäuft haben, das sie schützt. Sie können Blindgänger von ungefährlichen Materialien unterscheiden. Meistens zumindest. Ein Restrisiko bleibt immer und Verluste gehören ebenso zu ihrem Alltag wie die Fliegerbomben selbst. Eine sehr nüchterne Aussage, die uns schockiert.

Er hingegen lächelt uns an und sagt: „Was bleibt uns anderes übrig? Die Bomben gehören zu unserer Lebensgrundlage.“

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