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Das einfache Leben lieben

Als ich vor meiner Reise hierher gefragt wurde wie das Leben in meinem Heimatdorf aussieht, war meine häufigste Antwort: „Als wäre die Zeit stehen geblieben“. So und nicht anders würde ich es auch weiterhin beschreiben. Das Wasser kommt nicht aus der Leitung, sondern aus dem Brunnen. Die Straße vor dem Haus ist nicht geteert und es fahren mehr Pferdewägen als Autos vorbei. In der Abenddämmerung gehen keine Straßenlaternen an, sondern die Kühe kommen von der Weide nach Hause.

Das sind nur wenige Beispiele, die das einfache Leben hier treffend beschreiben. Ein Leben, dass wir für die wenigen Tage, die wir hier verbringen, lieben gelernt haben. Hier könnt ihr unseren Hof inklusive der Straße, den Brunnen und die tolle Schaukel im Garten sehen.

Die Fahrt mit dem Pferdewagen

Den heutigen Tag haben wir genau diesem einfachen Leben gewidmet und direkt mit einer Pferdewagenfahrt begonnen. Unser „Kutscher“ war Martin, einer der letzten Siebenbürger Sachsen, die noch hier in Schönberg leben. Er hat uns zuerst sein kürzlich zur Welt gekommenes Fohlen Carina vorgestellt und schließlich die Pferde vor den Wagen gespannt. Zuerst ging es eine Runde durch das Dorf und schließlich in die saftig grüne Umgebung.

Das letzte Stück der Strecke durften wir sogar selber die Zügel in die Hand nehmen und mal ausprobieren wie es ist, den Wagen zu steuern. Ich bin zwar kläglich gescheitert, hatte aber riesig Spaß dabei. Weniger spaßig erging es leider unserem Michael. Er hat unterwegs einen fiesen Allergie-Schub bekommen und fröhlich vor sich hin geniest. Wie bei allen anderen Wehwehchen auch, lautet die Lösung hier: „Trink einen Schnaps“. Hat er geholfen? Nein? Na dann trink halt noch einen Schnaps. In diesem Sinne: Prost!

 

Die mühselige Besteigung des Kirchturms

Nach einem super leckeren Mittagessen, bestehend aus selbstgemachter Tschorbâ mit Rahm sowie Fleisch mit Kartoffeln zum Nachtisch, sind wir Richtung Kirchenburg spaziert. Ein wunderschönes altes Gemäuer, das leider nur noch selten für Gottesdienste genutzt wird. Die Universität für Architektur in Bukarest nutzt die Räumlichkeiten mittlerweile für verschiedene Projekte im Rahmen der Restaurierung mittelalterlicher Architektur.

Da unser Pferdeflüsterer Martin auch der Kirchenverantwortliche ist, hat er uns erlaubt den Kirchturm zu besteigen. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn der Aufstieg war ziemlich mühselig. Die provisorisch zusammengestückelten Bretter und Leitern, haben einem nicht gerade ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.

Oben angekommen wurden wir gleich mit einer traumhaften Rundumsicht belohnt. Auch wenn Schönberg sehr klein ist, ist das Gesamtbild nicht weniger eindrucksvoll – Natur pur soweit das Auge reicht.

Nach dem noch anstrengenderen Abstieg haben wir uns den Kirchensaal angeschaut, in dem meine Eltern damals geheiratet haben. Auch hier sind überall Projekte der Studenten zu sehen und auch kleine Schlafsäle für sie eingerichtet.

In der alten Schule, die direkt neben der Kirche steht, wurde ein kleines Heimatmuseum eingerichtet, das noch tiefere Einblicke in das einfache Leben von früher gibt. Hier haben wir uns nicht allzu lange aufgehalten, weil wir versprochen hatten, pünktlich unser Geburtstagskind zu besuchen.

Enno-Guid und ihre Rasselbande

Darf ich vorstellen: Das ist unsere liebe Enno-Guid, die Schwester von meinem Opa. Sie ist die einzige Person aus meiner Familie, die nicht mit nach Deutschland gezogen ist und nach wie vor in Schönberg lebt. Sie ist heute 81 Jahre alt geworden und hat sich riesig gefreut, dass wir zufällig hier waren und mit ihr feiern konnten. Sie ist seit einigen Jahren verwitwet und die meiste Zeit des Jahres mit ihrer tierischen Rasselbande alleine auf dem großen Hof.

 

„Guid“ bedeutet übrigens „Tante“ und ist nicht Bestandteil von ihrem Namen. Bestandteil von ihrem Geburtstag waren wiederum sieben niedliche Katzenbabys, die eine ihrer fünf Katzen heute zur Welt gebracht hat. Im nächsten Jahr können wir also gleich 8-fach feiern.

Darüber hinaus hat sie noch drei Hunde und unzählige Hühner. Ein ziemlich witziger Haufen, der nicht nur am Körper, sondern auch an den Beinen Federn trägt.

Während Enno-Guid und Papa sich ausgiebig ausgetauscht haben, sind wir vier nach Kaffee und Kuchen zurück in die Flachsgasse gelaufen. Dort wollten wir uns den Hof genauer anschauen, den ich bis zu meinem dritten Lebensjahr mit meiner Familie bewohnt habe. Das hat nicht allzu lange gedauert, wodurch wir heute endlich mal pünktlich zum Abendessen zurück bei Oprean und Dana waren.

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